» Die Bedeutung systemweiter Vernetzungs- und Mobilisierungspraktiken für die Entwicklung prozessorientierter, patientenzentrierter Krankenhausorganisationen


Projektskizze

In einer grossen und medizinisch international führenden Klinik eines Universitätsspitals zeigte sich in den vergangenen Jahren immer deutlicher, dass aufgrund der fortschreitenden professionsbezogenen Spezialisierung eine Ausdifferenzierung der Klinik in verschiedene Fachbereiche unerlässlich wurde. Die Fachbereichsbildung sollte jedoch nicht zu „Königreichen im Königreich“ und über die Verkleinerung der Einheiten zu entsprechenden Ineffizienzen führen. Gleichzeitig wiesen die historisch gewachsenen Patientenprozesse wichtige und dringende Verbesserungspotentiale auf, was eine die bestmögliche Patientenbetreuung und den optimalen Arbeitseinsatz von Mitarbeitenden betraf.

Es wurde deutlich, dass ohne eine Analyse und Optimierung der alltäglichen routinisierten Arbeits- und Kooperationsmuster die angestrebten Ziele nicht erreicht werden konnten. Dazu musste es gelingen, die Beteiligten über professionsbezogene und strukturelle Grenzen hinweg zu vernetzen und trotz des belastenden Alltags gesamthaft für eine Weiterentwicklung und Veränderung zu mobilisieren.

Aus dieser Problemskizze ergaben sich forschungsseitig folgende Fragen:

  • Auf welche Weise kann die für eine wirksame strategische Entwicklung notwendige Vernetzung und Mobilisierung geleistet werden?
  • Wie können Vernetzungs- und Mobilisierungs-Kompetenzen in Krankenhäusern gefördert und entwickelt werden?

Den oben genannten Fragen wurde im Rahmen eines langfristigen Aktionsforschungsprojekts nachgegangen, das eine krankenhausinterne Initiative hin zu einer stärkeren Prozessorientierung und Patientenzentrierung begleitete. Vertreter des Forschungsprogramms HCE wirken in diesem Projekt als Prozesscoach bzw. als Beobachter mit.

Ergebnisse

Auf die oben genannten Fragen lassen sich aus dem Projekt folgende Hinweise ableiten:

Für die initiale Vernetzung und Mobilisierung der Beteiligten erwies sich die Rekonstruktion wesentlicher Behandlungsabläufe innerhalb der Klinik als wesentlich – und zwar mit den und durch die an diesen Prozessen beteiligten Personen. Die gemeinschaftliche Form der Bearbeitung prägender Alltagsherausforderungen ermöglichte auf einer sachlich-strukturellen die Identifikation und Realisierung von Massnahmen zur Prozessverbesserung. Auf einer sozialen und emotionalen Ebene förderte sie das gegenseitige Verständnis und die Kooperationsbereitschaft der Mitarbeitenden im Alltag.

Über die Form der Projektsteuerung konnte eine Kompetenz zur Vernetzung und Mobilisierung von Mitarbeitenden über das Projekt hinaus aufgebaut werden. Vertreter aller durch das Projekt betroffenen Fach- und Professionsbereiche sassen in der Steuerungsgruppe des Projekts ein. Als achtsam gestalteter räumlich-zeitlich-sozialer Wandelkontext erlaubte diese Plattform den Mitarbeitenden,  zusammen mit Gleichgesinnten die eigene Alltagswirklichkeit und Alltagspraxis aus einem zumindest partiell handlungsentlasteten Blickwinkel auf eine neuartige Weise kennen zulernen.

Beteiligte Forschende

Johannes Rüegg-Stürm (Coaching), Silke Bucher (Beobachtung und Assistenz)

Forschungszeitraum

Empirische Erhebung: November 2004 bis März 2008; Theoretische Aufarbeitung: seit Juni 2007

Veröffentlichungen & Arbeitspapiere

Eine ausführlichere Fassung der Ergebnisse in:

Rüegg-Stürm, J., Tuckermann, H. et al. (2009): Management komplexer Wertschöpfungsprozesse im Gesundheitswesen: Vernetzung beginnt in der Organisation, in: Amelung, V., Sydow, J., Windeler A. (Hrsg.): Vernetzung im Gesundheitswesen - Wettbewerb und Kooperation, Stuttgart: Kohlhammer

und

Rüegg-Stürm, Johannes (2008): Krankenhäuser im Wandel - Aufbruch oder Abbruch im Gesundheitswesen, erscheint Mitte/Ende des Jahres

Zur interprofessionalen Rekonstruktion von Behandlungspfaden: Bucher, S. et. al (2008): Evolutionäre Prozessoptimierung – Effektivitäts- und Effizienzpotentiale nachhaltig ausschöpfen. Erscheint in: Schweizerische Ärztezeitung, 2008, 89:45

Zum Wesen und zur Bedeutung einer nicht-trivialisierenden Prozesssicht als Grundlage für den produktiven Umgang mit einem wachsenden Effizienzdruck im Gesundheitswesen: Rüegg-Stürm, Johannes (2007): Krankenhäuser unter Druck:Die Prozessqualität ist die Grundlage, Deutsches Ärzteblatt, 2007, 104: 50, in: http://www.aerzteblatt.de.