» Die Reinterpretation von Strategiekonzepten im Verlauf ihrer Umsetzung: Eine empirische Rekonstruktion organisationaler Praktiken und Kontexte


Projektskizze

Wie entwickeln, legitimieren und internalisieren Menschen in Organisationen das soziale Konstrukt, welches sie als ihre Strategie bezeichnen? Obwohl diese einfache Frage für die Strategieforschung fundamental erscheint, gibt es darüber erstaunlich wenig empirische Erkenntnisse. Die Ursache dafür ist im Umstand zu vermuten, dass die Management-Forscher bereits eine Definition von Strategie voraussetzen, anstatt deren soziale Konstruktion im lokalen Kontext nachzuzeichnen. Aus diesem Grund geht diese Arbeit geht der Frage nach, wie Manager ihre Vorstellung von Strategie vermitteln und legitimieren und dabei Kontexte erzeugen, die wiederum auf die situative Anwendung und Interpretation dieser Strategie zurückwirken. Das Ziel der Forschung ist also, das Repertoire von Praktiken und deren sinnhafte Deutung durch die Beteiligten zu rekonstruieren, um zu verstehen „how plans were translated into action and, by so doing, how they got modified, adapted and changed“ (Tsoukas & Chia, 2002).

Die empirisch beobachtete strategische Initiative „Behandlungszentren“ hatte dabei zum Ziel, durch die Bildung von interdisziplinären medizinischen Organisationen (Herzzentrum, Brustzentrum, etc.) einerseits das Angebot des Zentrumsspitals auf wenige „Leuchttürme“ zu fokussieren. Andererseits sollten diese Behandlungszentren prozeßorientiert an den Bedürfnissen der Patienten ausgerichtet und vom Management gesteuert werden.

Ergebnisse

Die Daten der Fallstudie zeigen dass es während der Umsetzung einer Strategie zu erstaunlichen Reinterpretationen der ursprünglichen Vorstellungen kommt. Der Schwerpunkt der Initiative auf ökonomischen Anliegen im Milieu des Managements verschob sich mit der Delegation der Umsetzung in das Milieu der Medizin auf die Themen Qualität und Innovation, um zuletzt bei der Reorganisation von Supportprozessen in der Administration eine neue Wirkung zu entfalten. Ein erster Beitrag dieser Arbeit ist zu zeigen, wie dasselbe Strategiekonzept je nach Hintergrundverständnissen, lokalen Nutzenüberlegungen und Machtverhältnissen je neu interpretiert und umgesetzt wurde.

Ein zweiter Beitrag dieser Arbeit besteht darin, dass die empirisch beobachteten Praktiken und die daraus entstehenden grösseren sozialen Formen theoretisch beschrieben und systematisiert werden. Die Arbeit zeigt damit Praktiken auf, die über das rein Sprachliche hinausgehen, aber dennoch kommunizieren, weil sie sozial geteiltes Wissen appräsentieren. In der Strategieforschung sind diese Formen der Interaktionsordnungen, ihr objektivierter Zweck, die Beteiligten, deren Stilmittel oder die Rolle aussersprachliche Rituale und Situationen, noch kaum beschrieben (Knoblauch, 1995: 162 ff.).

Eine dritte Innovation dieser Arbeit ist die genauere Erläuterung des Kontext-Begriffs. Mit der Herausarbeitung des Unterschieds zwischen der unmittelbaren „face-to-face“-Kommunikation und der institutionell vermittelten Kommunikation zu anonymen Abwesenden leistet diese Forschung eine Erklärung, warum es in komplexen Organisationen mit ausdifferenzierten Sonderwissensbereichen besonders anspruchsvoll ist, eine Strategie zu vergemeinschaften.
Zuletzt erarbeitet diese Forschung auf praktische Implikationen für die Rolle des Managers. Management scheint eine Funktion zu sein, die auf die Produktion, Vermittlung, Objektivierung und Verwaltung von Wissen spezialisiert ist. Doch die rasche Ausdifferenzierung des Wissens stellt Führungskräfte vor grosse Probleme, diese Milieus in der Umsetzung der Strategie miteinander zu verknüpfen. Entsprechend angebracht ist die Hinwendung dieser Arbeit auf die „kommunikative Apparatur“, welche das Management nutzt, um die Rationalität ihrer Entscheidungsprozesse zu demonstrieren. Spannend ist dieser „kommunikative Apparat“ auch deshalb, weil neue Technologien dem Management Kommunikationsmöglichkeiten zur Verfügung stellen, die mit noch ungeklärten Folgen eine Medialisierung der Alltagswahrnehmungen und des Alltagshandelns vorantreiben.

Dank der wissenssoziologischen Sichtweise kann diese Arbeit relativ detailliert zeigen, wie die fortlaufende Transformation des Strategiekonzepts handelnd erzeugt wurde. Über die Benennung von kommunikativen Praktiken, sozialen Situationen und der Interaktionsordnung konnte gleichzeitig die Eigenständigkeit des sozialen Geflechts wie auch die Intentionalität und der transformierende Charakter allen menschlichen Handelns, auch in ihrer routinierten Form, rekonstruiert werden (Giddens, 1984: 117). Mit dem detaillierten Blick auf das soziale Handeln in Strategieprozessen hat diese Arbeit einige „black boxes“ geöffnet, die bisher in der Strategieforschung als gegeben vorausgesetzt wurden.

Beteiligte Forschende

Widar von Arx

Forschungszeitraum

2004 - 2008

Veröffentlichungen & Arbeitspapiere

Eine ausführlichere Fassung der Ergebnisse in:

von Arx, W. (2008): Die dynamische Verfertigung von Strategie: Rekonstruktion organisationaler Praktiken und Kontexte eines Universitätsspitals, Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft

Rüegg-Stürm, J., Tuckermann, H. et al. (2009): Management komplexer Wertschöpfungsprozesse im Gesundheitswesen: Vernetzung beginnt in der Organisation, in: Amelung, V., Sydow, J., Windeler A. (Hrsg.): Vernetzung im Gesundheitswesen - Wettbewerb und Kooperation, Stuttgart: Kohlhammer

und

Rüegg-Stürm, Johannes (2008): Krankenhäuser im Wandel - Aufbruch oder Abbruch im Gesundheitswesen, erscheint Mitte/Ende des Jahres

von Arx, Widar; Rüegg-Stürm, Johannes (2007): Spitäler im Umbruch - Ansatzpunkte für eine gelingende Weiterentwicklung, Schweizerische Ärztezeitung, 2007, 88: 27, 28, in: http://www.saez.ch

von Arx, W.; Tuckermann, H.; Rüegg-Stürm, J.: How organizational practices act as a strategy generating principle: An empirical case from a university hospital. Euram Annual Conference 2006, Oslo, Norway

von Arx, W.; Tuckermann, H.; Rüegg-Stürm, J.: Strategizing - a passing context of interconneted and ambiguous practices: An empirical case from a university hospital. The 22nd EGOS (European Group for Organization Studies) Colloquium 2006, Bergen, Norway